Überraschungen in Kaliningrad

on Dienstag, 13 Juni 2017. Posted in Lebensdomizile weltweit - Blog

170KathedraleKaliningrad

Pfingstsonntag 2017 - und der Regen prasselt heftig auf Frontscheibe und Reisemobildach. Wir verlassen Frombork (Frauenburg) in Polen am Frischen Haff über die Straße 194 mit dem Ziel, in wenigen Kilometern die Grenze nach Kaliningrad zu erreichen.

Ein Besuch der Oblast Kaliningrad (Oblast bedeutet größerer Verwaltungsbezirk) steht bei vielen Ostsee-Reisenden auf dem Wunschzettel und doch scheuen sich viele davor. Warum eigentlich? Wir klären auf und nehmen euch mit auf unsere Reise.

Die große Unbekannte "Visumbeschaffung"

Ehrlich gesagt beginnt die Einreise nach Russland jedoch schon viele Wochen vorher. Gerade Ostsee-Umrunder haben mit Kaliningrad und St. Petersburg die Gelegenheit, zweimal nach Russland einreisen zu können und damit die Pflicht, sich ein Visum zu besorgen, das zur mehrmaligen Einreise berechtigt.

Da man grundsätzlich eine Einladung benötigt, können Reisemobilisten bei spezialisierten Reisebüros bzw. -veranstaltern, wie z.B. der Spomer GmbH, Konsular- und Reisedienste in Bad Honnef, diese Hürde bewältigen und das Visum beantragen. Natürlich, so viel Ehrlichkeit sollte sein, ist die Inanspruchnahme eines Visum-Dienstleisters auch sehr viel bequemer i.S.v. zeit- und nervenschonender als der eigene Gang zum zuständigen nächstgelegenen Konsulat.

https://www.visum.net/visum/visum-russland/allgemeines/ 

Dazu sind jedoch einige Formulare und Bestätigungen (beispielsweise für eine Auslandskrankenversicherung sowie Garantien der sogenannten Rückkehrwilligkeit in den Aufenthaltsstaat) notwendig, die mit eingereicht werden müssen. Nach Bezahlung der Gebühr wird im besten Fall das Visum ausgestellt, im Reisepass eingeklebt, und auf dem Postweg landet dieser wieder im heimischen Briefkasten. Kosten: € 87,- pro Visum für die zweimalige Einreise. Bitte plant entsprechend Vorlaufzeit für die Bearbeitung ein. Im Fall der Ostsee-Runde wird also ein Touristenvisum benötigt, das zur zweimaligen Einreise bei einer maximalen Aufenthaltsdauer von insgesamt 30 Tagen berechtigt. 

Angst vor dem Grenzübertritt?

Ein Hinweis von gerade aus Russland ausgereisten Wohnmobilisten lässt uns wenige Tage vor der Einreise nochmals schwitzen. Ein Vertrag für das Mietfahrzeug ist vorhanden, die Grüne Versicherungskarte mit dem Eintrag „RUS“ ebenfalls. Doch wo bitte ist die eingestanzte Fahrzeug-Identifikationsnummer bei einem Wohnmobil zu sehen, nach der Grenzbeamte fragen? Mit Taschenlampe bewaffnet geht’s auf die Suche, bis wir schließlich fündig werden.


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latz Pobedy (früher Hansa-Platz) im Zentrum mit Siegessäule und Christ-Erlöser-Kathedrale

Alle Unterlagen sortiert, für uns jeweils der Reisepass, die Bestätigung der Auslands- Krankenversicherung sowie der Internationale Führerschein; für das Wohnmobil der KFZ-Schein, die Grüne Versicherungskarte, der Mietvertrag mit Bestätigung des Fahrers - und ran geht es an den Grenzübergang in Polen.

Wir müssen am STOP-Schild der Bus- und LKW-Spur warten, da wir die PKW-Spur nicht benutzen dürfen. Außer ein paar abzufertigenden PKW ist heute an diesem Grenzübergang nicht viel los. Dann werden unsere Pässe geprüft und das Wohnmobil wird innen wie außen inspiziert. Mit Wartezeit dauert alles 50 Minuten und wir fahren langsam weiter zum russischen Grenzübergang.

Hier kommen wir gleich dran, einer der Grenzbeamten spricht sogar deutsch. Nach der Kontrolle unserer Personalien wird ein separater und abgestempelter Zettel in den Reisepass eingelegt (der bei der Ausreise wieder entnommen wird). In der „Passenger Customs Declaration“ werden Daten des Wohnmobils abgefragt (KFZ-Kennzeichen, Modellbezeichnung, Hubraum, Erstzulassung, Fahrgestellnummer, Zeitwert in Euro). Der freundliche, ein wenig deutschsprechende Grenzbeamte hilft auch hier, wo was ausgefüllt werden muss. So erhalten wir alle notwendigen Stempel. Danach inspizieren die Grenzbeamten fast alle Außenklappen und die Innenräume im Wohnmobil. Wobei sie einzig zwei Schränke öffnen und alles in allem höflich und korrekt sind.
Nach gerade mal 30 Minuten schaltet die Ampel auf Grün, der Schlagbaum hebt sich und wir reisen in die Oblast Kaliningrad ein.

Unser Navi hat keine Russland-Karten, so steigen wir auf die zuvor hochgeladenen Karten im Smartphone um, die auch offline genutzt werden können. Man hat uns geraten, in Russland zu tanken – danke für den Tipp. Bei rund 50 Cent pro Liter macht sogar das Volltanken eines Wohnmobils Spaß.

172TankstelleKaliningrad  PlatzKathedrale  169KoenigsbergerBaecker 
Günstiges Tanken // Platz Pobedy // Cafe "Königsbäcker" mit russisch-deutschen Angaben

Nach einer anfänglichen Holperpiste im Grenzbereich wird die Straße Richtung Kaliningrad Stadt geradezu vorbildlich. Die Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge über 3,5 t beträgt 70 km/h und so cruisen wir dem nächsten Sehnsuchtsziel entgegen.

Hotel Baltica: Übernachten am See mit WiFi und Busanbindung an die Innenstadt

In der Oblast Kaliningrad gibt es genau einen Campingplatz, auf dem übernachtet werden kann. Er liegt auf dem Gelände des Hotels Baltica am östlichen Stadtrand Kaliningrads, ist gut anfahrbar und bietet auf der Wiese hinterm Hotel Strom, V/E sowie Ruhe vor der am Hotel vorbeiführenden Schnellstraße. Die Anmeldung erfolgt im Hotel bei einer freundlichen wie englischsprechenden Rezeptionistin. Für 1.000 Rubel übernachten Wohnmobil und Fahrer, für 250 Rubel mehr jede weitere Person direkt am See (Umrechnungskurs, Stand Juni 2017: 100 Rubel cirka € 1,60). Duschen können bei Bedarf im Hotelzimmer genutzt werden, dafür werden nochmals 100 Rubel/Person berechnet. Die Bezahlung läuft über Kreditkarte, an der Rezeption gibt es zudem Login-Daten fürs WiFi (das auch auf dem Stellplatz hinter dem Hotel funktioniert) und einen deutschen Stadtplan. Das Hotel übernimmt auch die Weiterleitung der vorgeschriebenen Anmeldung an die örtliche Meldebehörde; ohne diesen Service einer Beherbungsstätte oder sonstigen Gastgebers, z.B. eines Privatvermieters, muss sich jeder Kaliningrad-Besucher innerhalb weniger Tage selbst darum kümmern.

BalticaSonne  162BalticaStellplatz  176StellplatzBaltica
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otel Baltica Kaliningrad: Außenansicht Hotel // Stellplatz hinter dem Hotel, direkt am See

Sich einmal im Hotel umzuschauen lohnt, hängen doch hier viele Fotos alter Stadtansichten vom ehemals schönen Königsberg an den Wänden. Das Hotel macht übrigens von innen einen signifikant besseren Eindruck, als es die Fassade beim ersten Anblick bei Ankunft vermuten lässt.

Mit der direkt vor dem Hotel abfahrenden Buslinie 37 geht es mehrfach stündlich ohne Umsteigen direkt in die Innenstadt. Da der Regen noch immer anhält, beschließen wir, erst am nächsten Tag unsere Stadterkundung zu starten. Für 20 Rubel einfache Fahrt fährt der sich ständig weiter füllende Bus an Metro, Autohäusern und den ersten Sehenswürdigkeiten wie dem Königstor, dem ehemaligen Haus der Technik sowie an den Markthallen vorbei. Die goldfarbenen Kuppeln der Erlöserkathedrale funkeln im Sonnenschein; an der nächsten Haltestelle nach der Kurve (mit Blick auf McDonalds) steigen wir aus.

Modern und quirlig präsentiert sich die Stadt, auffällige Werbebanner internationaler Marken haschen um unsere Aufmerksamkeit. Hier die moderne, neue Straßenbahn, dort der V8-SUV und zahlreiche Luxuslimousinen mit getönten Scheiben; chic gekleidete Frauen wie Männer hasten an uns mit Smartphone in der einen und Coffee to go-Becher in der anderen Hand an uns vorbei.

Wir lassen die Stadt auf uns wirken, schauen uns im Stadtplan unsere Route an und laufen los. Die Erlöser-Kathedrale und der gesamte Vorplatz, die stark belebte und befahrene Leninskij Prospekt entlang Richtung Dominsel. Auf dem Weg kommen wir an der imposanten Ruine des geplanten Haus der Räte vorbei. Ein Abriss sei zu aufwendig, lesen wir im Reiseführer. Rund um den Klotz befindet sich die umzäunte Ausgrabungsstätte der Schlossfundamente. 

167HausderRaeteundAusgrabungen  179AltKaliningradFotos  180DomKaliningrad
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usgrabungsplatz und Ruine // Königsberg Info-Tafeln auf Dominsel // Ansicht Domfront

Ein Stück weiter erreichen wir die Dominsel, einst Herz der Stadt und heute Grünanlage mit, nun ja, leider schlecht restauriertem Dom. Aber immerhin, er hat die Zeit überdauert, alle anderen Häuser des Kneiphofs und all die alten Straßenzüge sind nach den Bombardements in der Nacht zum 30. August 1944 verbrannt und damit für immer verschwunden. Aufgestellte Displays in der Grünanlage mit alten Stadtansichten erinnern an verschiedenen Stellen noch daran, wie schön Königsberg gewesen sein muss.

Hinter dem Dom führt die Honigbrücke, behängt mit unzähligen Schlössern, zum neu errichteten Fischdorf mit Restaurants und Cafés entlang des Flusses Pregel. Nachdem wir noch das Grabmal für Immanuel Kant erkundet haben, führt unser Fußweg zurück am Schlossteich vorbei, in Richtung der großflächigen Markthallen.

164FischdorfHonigbruecke  165FischdorfundDom  166ImmanuelKantHonigbrücke mit Blick auf Fischdorf // Flanieren mit Domblick // Grabmal von Immanuel Kant

Es ist Erdbeerzeit und an vielen Ständen werden die süßen Früchte zum Preis von 150 Rubel pro Kilogramm feilgeboten. Die Auswahl an Obst und Gemüse sowie frischem Fisch ist groß und vielfältig. 

Geldwechsel und Preisbeispiele

Geld kann in Banken und Wechselstuben kommissionsfrei getauscht werden. Die Wechselkurse unterscheiden sich, anders als zu den Kursen in den Hotels, nur geringfügig. Hier zur Orientierung ein paar Preise (Stand Juni 2017):

  • Cappuccino groß 85-110 Rubel
  • Misch-Brot 750 gr. 55 Rubel
  • Kaffeestückchen 50-80 Rubel
  • 1 kg Tomaten 100 Rubel
  • 1 Fl. Wodka 0,5 ltr. ab 220 Rubel
  • 1 Ltr. Diesel 31,90-39,90 Rubel

MarkthalleKaliningrad   SpeckMarkhalle 168WodkaAuswahlkleinerSupermarkt
Markthallen: Reichhaltiges, frisches und preiswertes Angebot // Großes Wodka-Sortiment

Alle importierten Waren wie Milka- oder Lindt-Schokolade sind mit Aufpreis erhältlich. Und die Wodka-Auswahl ist selbst in kleinen Supermärkten unvorstellbar groß. Nachdem wir nun gefühlt – oder auch echt – sechs Kilometer zu Fuß zurück gelegt haben, fährt der Bus der Linie 37 gegenüber den Markthallen wieder zurück zum Baltica-Hotel. 

Das Baltikum wartet!

Am Abend sitzen wir noch am Hotelsteg am See und genießen den Sonnenuntergang. Der Hotelkomplex hält auch diese Nacht die Geräuschkulisse der Schnellstraße ab, und wir starten am nächsten Morgen ausgeruht Richtung Litauen, ausgeschildert ist Nesterov. Die anfangs gut ausgebaute, neue Autobahn lässt uns schnell vorankommen, irgendwann geht es auf der Landstraße, manchmal mit Kopfsteinpflaster oder gerade im Bau, weiter. Die Landschaft ändert sich nicht wesentlich und wird irgendwann eintönig (einzig auf die Blitzer sollte man aufpassen). Uns überrascht, dass die weiten Flächen rechts und links der Straße kaum landwirtschaftlich genutzt werden.

Unterwegs stoppen wir noch in der Stadt Cernjachovsk (Insterburg), der drittgrößten Stadt im Kaliningrader Gebiet. Gleich am Ortseingang parken wir auf dem Parkplatz des Spar-Supermarktes und bummeln durch die von Bäumen gesäumten Straßen. Mit einer einfach gehaltenen Markthalle, Geschäften des alltäglichen Bedarfs und reichlich Kopfsteinpflaster in der gesamten Innenstadt geht es hier eher bodenständig und beschaulich zu.

Auf der A229 fahren wir dem Grenzübergang nach Litauen entgegen. Die russische Kontrolle läuft ruhig und zügig vonstatten, die Einfuhrerklärung des Fahrzeugs und unsere Einreisebelege aus den Reisepässen werden einbehalten, das Fahrzeug innen und außen grob kontrolliert. Am russischen Grenzübergang erklärt man uns übrigens, dass die ausgestellte Einfuhrerklärung für das Fahrzeug einbehalten wird und wir bei erneuter Einreise nach Russland, also auf unserem Weg nach St. Petersburg, eine neue Einfuhrerklärung erhalten und ausfüllen müssen.

Nach 40 Minuten dürfen wir weiterfahren und gelangen sogleich an die litauische Grenze. Hier spricht man sehr gut Englisch, eine Grenzbeamtin sogar deutsch, und nach 30 Minuten, einer erneuten Kontrolle des Fahrzeugs, diesmal inklusive der Inaugenscheinnahme der Fahrzeug-Identifikationsnummer, stellen wir unsere Uhren um eine Stunde vor und nehmen Kurs auf Trakai und Vilnius.

Fazit

Die „Angst“ vor Kaliningrad, der Ein- und Ausreise mit den Grenzkontrollen ist nach unserer Erfahrung unbegründet. Ein bisschen Zeit und Geduld mitbringen, alle Dokumente griffbereit haben, die Wohnmobilklappen außen und/oder Innentüren und -klappen freundlich öffnen und im Idealfall einige wenige Worte in Russisch sprechen können: Dann sind auch die Grenzbeamten freundlich und hilfsbereit und der Grenzübertritt gestaltet sich unkompliziert.

Die Stadt ist durchaus sehenswert, auch wenn vom alten Königsberg nicht mehr viel zu sehen ist. Der kleine Stellplatz am Hotel Baltica ist funktional und akzeptabel. Mit dem Wohnmobil in die Stadt zu fahren, ist möglich; wir empfanden die Busfahrt jedoch als die bequemere Variante und als erste Gelegenheit, Lokalkolorit zu schnuppern.

Wer in der Kaliningrader Oblast außerhalb dieses Stellplatzes übernachten möchte, sollte auf einem Hotelparkplatz nachfragen und sich eine Bestätigung für die Übernachtung geben lassen. Es kann sein, dass diese bei der Ausreise vorgezeigt werden muss.

Sich vor der Einreise mit dem kyrillischen Alphabet vertraut zu machen, erleichtert das Verständnis von Verkehrs- und sonstigen Hinweisschildern enorm. Dies ist nicht unbedingt für die Stadt Kaliningrad notwendig, da die Hauptrichtungen zusätzlich auch in lateinischer Schrift ausgeschildert sind, wird es aber schnell außerhalb der Stadt in ländlichen Regionen. Mit ein bisschen Übung und gutem Willen stellen sich übrigens schnell erste Erfolgserlebnisse ein.

Wer über die Kurische Nehrung ausreisen möchte, sollte zusätzliche Kosten für den Eintritt in den Nationalpark (und zwar für den russischen und litauischen Teil) sowie für die Fährüberfahrt nach Klaipeda einkalkulieren. Der Campingplatz auf litauischer Seite in Nida ist in der Hauptsaison sehr gut belegt, eine rechtzeitige Reservierung ist angeraten.

Reiseführertipp 

Königsberg - Kaliningrader Gebiet
Mit Bernsteinküste, Kurischer Nehrung, Samland und Memelland

Gut gegliedert und umfangreich beschrieben ist der Reiseführer ein wunderbar hilfreicher Begleiter. Mit wertvollen Hinweisen, nachvollziehbaren Beschreibungen und Erklärungen gibt er Auskunft über Geschichte und Gegenwart. 

Koenigsberg-2017 9783897943810

Trescher Verlag Berlin 
www.trescher-verlag.de  
Autor: Gunnar Strunz
3., aktualisierte Auflage 2017, 448 Seiten,  238 Farbfotos, 37 historische Abbildungen, komplett in Farbe,  43 Stadtpläne und Übersichtskarten, farbige Klappkarten
ISBN 978-3-89794-381-0
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reis: € 21,95 

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