Rezension: Heute komme ich zuerst

on Freitag, 08 März 2019. Posted in Lebensdomizile weltweit - Blog

Wendelgoldeggblog

Rezension: Heute komme ich zuerst

Lieben & Leben Ohne Kompromisse

Autorin: Susanne Wendel / Erstausgabe 2019

„Sie verleugnen, dass sie von ihrem Leben angepisst sind. Sie verleugnen, dass sie ihren Hintern hochkriegen und ein Risiko eingehen müssen. Menschen wollen nicht wahrhaben, dass sie unglücklich sind und ihr Leben scheiße finden.“ Dies ist ein Auszug auf Susanne Wendels neustem Werk „Heute komme ich zuerst“. Im Klappentext wird bereits klar, die Autorin ist nicht zimperlich: Vergiss alles, was du über Männer, Frauen, Liebe und Sex denkst!

Wer nun allerdings denkt, er – oh sorry, sie bekommt nun den perfekten Sexratgeber mit Hinweisen, wie wann was zu tun ist, damit Mann (und auch Frau) erfüllten Sex hat, der wird enttäuscht sein. Alle anderen, die das Buch wertschätzend und bewusst durchlesen – und hier schließe ich Frauen wie Männer mit ein – halten ein wunderbares Buch in Händen, das er- und aufklärt, ohne Schuldzuweisungen und Belehrungen.

Susanne Wendel, übrigens Autorin von „Gesund gevögelt“, hat Zusammenhänge aus tauendjähriger Geschichte, Moralvorstellungen, Glaubenssätze und schmerzhafter, oft anerzogener Zurückhaltung zusammengetragen. Dabei geht sie auf Erziehung und Schuldzuweisungen ein, erläutert strafrechtliche Hintergründe, die noch in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts relevant waren. Sexarbeiterinnen und Coaches kommen zu Wort und berichten von der aktuellen Situation in der heutigen Zeit und den noch immer vorherrschenden (Beziehungs-)Problemen.

So gehen viele von uns tagtäglich Kompromisse sein. Und insbesondere Frauen lernten, sich eher in die zweite Reihe zu stellen und sich anzupassen. Was dabei im Laufe der Lebenszeit an Frust angesammelt wird, der wiederum verdrängt und fast nicht mehr wahrgenommen wird, ist unbeschreiblich. Frauen verlernen sich zu spüren, die persönlichen Bedürfnisse überhaupt zu erkennen und diese dann auch noch ausformuliert auszusprechen. Die Autorin gibt Tipps für den Ausstieg aus der Matrix. Klärt aber gleichzeitig auch darüber auf, dass es nicht einfach ist, zudem Zeit und oft Wut braucht. So werden Handlungsvarianten angesprochen, sind aber nicht verpflichtend. Denken und handeln, verändern und tun muss jeder bzw. jede für sich selbst.

Der Blick in die Geschichte, ob 5000 oder 60 Jahre, ist spannend und beim Lesen kommen durchaus „Aha“-Effekte“ zustande. So erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem Westdeutschland einen massiven Rückschritt in Richtung Konservatismus, Verklemmtheit und Sexualfeindlichkeit. Zudem wird mit jeder der ersten 150 Seiten deutlicher, wie die vorherrschenden Konzepte unterschiedlicher, jedoch männlicher Wissenschaftler (Frauen durften nicht wissenschaftlich arbeiten) das Denken der Menschen und den Blick auf die Frau und ihre Bedürfnisse beeinflusst hat.

Es sind die guten Beobachtungen, die Susanne Wendel gekonnt zu Papier bringt. Klar will sie mit einigen Aussagen provozieren. Und mit was? Mit Recht! Denn wann genau beginnt man damit, sich Gedanken zu machen und etwas ändern zu wollen?!

Zur Orientierung einige Zitate aus „Heute komme ich zuerst“:

"Viele Paare haben sich im Bett auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner getroffen, der für beide aber nur ein Kompromiss ist."

„Den Deal „Geld gegen Sex“ kennen wir aus der Prostitution. Doch die wenigsten bringen ihn mit Ehe in Verbindung. Doch im Grunde genommen ist der uralte Handel, der Ehe bedeutet, das Gleiche“.

„Die schlimmsten Energieräuber im Leben einer jeden Frau sind andere Frauen, die von morgens bis abends jammern und sich über alles und jeden beschweren und gleichzeitig keinen einzigen Rat annehmen.“

„Man kann es manchmal bei Menschen in den Gesichtern sehen, diese Angepasstheit, die aussieht wie eine Maske aus Nettigkeit und Gut-dastehen-Wollen.“

„Kein Wunder, dass manche der lächelnden Werbeikonen hinter ihren Kuchenblechen total angepisst waren.“

„Männer sind Schweine? Frauen auch!“

Es gibt wunderbare Passagen, die man wirklich zweimal liest, nur um zu bestätigen, dass es eine Frau ist, die dies endlich mal auf den Punkt und aufs Papier bringt. Für viele ihrer Aussagen würde sie in den sozialen Netzwerken zerrissen. Und doch können Frauen wie Männer genau hier etwas für ihre Beziehungskompetenz lernen. Sich gegenseitig zu kontrollieren ist ein typisches Muster in der Beziehungsmatrix und zwar ein typisch passiv-aggressives. Die Autorin möchte Gleichberechtigung für beide Partner einer Beziehung, sie geht sogar so weit zu behaupten, dass eine der ersten Voraussetzungen für die Liebesbeziehung als „power couple“ ist, dass beide ihr eigenes Geld verdienen und es keine finanzielle Abhängigkeit mehr gibt; dass sie sich lieben, ohne voneinander abhängig zu sein. Ist das nicht ein Traumzustand? Daher ist das neue Werk von Susanne Wendel für Männer wie Frauen geeignet und als Lektüre und Anleitung zum Tun empfehlenswert.

Heute komme ich zuerst
Lieben & Leben Ohne Kompromisse
Autorin: Susanne Wendel
Goldegg Verlag GmbH
ISBN 978-3-99060-095-5
288 Seiten, broschiert, Erstausgabe 2019

 

Rating

4.4/5 rating (37 votes)